Worum es geht

Ich esse ein Steak oder ein fettes Omelette, keinen Zucker, keine Kohlenhydrate, und zwei Stunden später schießt mein Blutzucker trotzdem nach oben. Wenn du Typ-1-Diabetiker bist und viel Protein isst, kennst du das vielleicht. Das ist kein Fehler, den du machst, sondern ein normaler Stoffwechselprozess, der bei Diabetes nur sichtbar wird, weil die automatische Regulation fehlt. Das betrifft im Kern jeden Körper, nicht nur Diabetiker.

Was im Körper passiert: Glukoneogenese

Der Prozess heißt Glukoneogenese, auf Deutsch Zuckerneubildung. Die Leber kann aus den Aminosäuren von Protein Glukose herstellen, vor allem wenn viel Protein gegessen wird oder wenig Glukose als Energiequelle verfügbar ist. Bei Menschen ohne Diabetes reguliert Insulin diesen Prozess, die Leber bekommt das Signal, genug ist genug. Bei Typ-1-Diabetes fehlt dieses Signal, die Leber produziert weiter Glukose aus dem Protein, während gleichzeitig das Insulin fehlt, um sie zu verarbeiten. Der Blutzucker steigt, und das sieht man dann zeitverzögert auf dem Sensor.

Wichtig für die Einordnung, wie viel Protein das überhaupt braucht: Eine kontrollierte Studie hat Menschen mit Typ-1-Diabetes reines Protein ohne Kohlenhydrate und Fett verabreicht, in Mengen von 0 bis 100 Gramm. Ein deutlicher Blutzuckeranstieg zeigte sich erst ab etwa 75 Gramm reinem Protein, bei 12,5, 25 oder 50 Gramm blieb der Effekt gering. Das heißt nicht, dass jede kleinere proteinreiche Mahlzeit unbedenklich ist, in Kombination mit Fett kann der Effekt schon bei geringeren Mengen einsetzen, wie eine Folgestudie derselben Forschungsgruppe gezeigt hat. Aber die pauschale Vorstellung, jedes Steak treibt zuverlässig den Blutzucker hoch, ist zu grob. Die Menge und die Kombination mit Fett entscheiden.

Die Fett-Protein-Einheit: Rechenbar, aber nicht alltagstauglich

Es gibt eine etablierte Methode, um Fett und Protein bei der Insulindosierung zu berücksichtigen, entwickelt von der Warschauer Diabetologin Dr. Ewa Pańkowska und mittlerweile fester Bestandteil deutschsprachiger Diabetes-Patientenaufklärung. Eine Fett-Protein-Einheit, kurz FPE, entspricht 100 Kilokalorien aus Fett und Eiweiß.

Berechnung: Gramm Fett mal 9, plus Gramm Protein mal 4, das Ergebnis geteilt durch 100 ergibt die Anzahl FPE.

Beispiel: 300 g Steak mit etwa 23 g Fett und 60 g Eiweiß. 23 × 9 = 207, plus 60 × 4 = 240, macht 447. Geteilt durch 100 sind das 4,5 FPE.

Nach der ursprünglichen Methode entspricht der Insulinbedarf für 1 FPE dem für 10 Gramm Kohlenhydrate, viele Diabetesteams empfehlen aber, zunächst nur mit der halben Menge zu rechnen, weil sonst das Unterzuckerungsrisiko steigt.
Die Insulingabe erfolgt verzögert, klassischerweise über einen verlängerten oder Dual-Wave-Bolus an der Pumpe, über mehrere Stunden verteilt.

Das ist wichtig, um zu verstehen, was medizinisch dahintersteckt. Für die eigene Insulindosierung gilt aber: Das hier ist eine Erklärung der Methode, keine Dosierungsempfehlung. FPE greifen direkt in die Insulindosis ein und können Unterzuckerungen auslösen. Wer das ausprobieren möchte, bespricht das vorher mit dem eigenen Diabetesteam, das gilt besonders für Kinder und Jugendliche.

In der Praxis ist die FPE-Methode für viele kaum konsequent durchzuhalten, aus genau dem Grund, den auch Diabetesberater und Patientenforen immer wieder beschreiben: Wer nicht bei jeder Mahlzeit Gramm für Gramm nachrechnen will, findet die Formel im Alltag unpraktisch. Dazu kommt ein technischer Punkt, den auch moderne Automatiksysteme (AID-Systeme, umgangssprachlich Closed-Loop-Systeme) nicht eins zu eins lösen: Ein klassischer, frei einstellbarer Dual-Wave-Bolus mit fester Dauer ist im Automatikmodus vieler Systeme nicht vorgesehen. Eine kleine Präzisierung dazu: Systeme wie CamAPS FX bieten mittlerweile eine "Zusätzliche Mahlzeit"- beziehungsweise Funktion für langsam resorbierbare Kohlenhydrate an, die genau auf verzögerte Blutzuckeranstiege durch fett- und proteinreiche Mahlzeiten reagieren soll. Das ist kein klassischer, manuell einstellbarer Dual-Wave-Bolus, aber auch nicht schlicht "nicht vorgesehen". Wie gut das im Alltag funktioniert, muss jeder für sich austesten, am besten in Absprache mit dem Diabetesteam.

Für alle ohne Diabetes: Protein ist nicht neutral

Auch ohne Diabetes reguliert der Körper diesen Prozess automatisch, das merkt man einfach nicht. Trotzdem ist Protein nicht komplett neutral für den Stoffwechsel, gerade beim Muskelaufbau lohnt sich ein realistischer Blick auf die Menge. Eine große Metaanalyse mit 49 Studien und über 1.800 Teilnehmenden hat gezeigt, dass zusätzliche Proteinzufuhr den Muskel- und Kraftaufbau bis zu einer Gesamtzufuhr von etwa 1,6 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht am Tag verbessert. Oberhalb dieser Menge war in den ausgewerteten Studien kein zusätzlicher Nutzen für den Muskelaufbau mehr nachweisbar. Das bezieht sich auf die tägliche Gesamtmenge, nicht auf eine einzelne Mahlzeit, aber die Kernaussage bleibt: Mehr Protein bedeutet nicht automatisch mehr Muskelaufbau, es gibt eine Obergrenze, ab der der zusätzliche Nutzen ausbleibt.

Wir sind als Typ-1-Diabetiker in einem ständigen Lernprozess. Nicht alles ist gelöst, nicht alles ist einfach, und nicht alles lässt sich lösen.

Fazit

Ein Blutzuckeranstieg zwei bis drei Stunden nach einer proteinreichen Mahlzeit ist kein Fehler, sondern Glukoneogenese, ein Prozess, den jeder Körper kann, der bei Typ-1-Diabetes nur ungebremst abläuft. Wie stark das ausfällt, hängt von der Proteinmenge und der Kombination mit Fett ab, nicht jede kleine proteinreiche Mahlzeit ist relevant. Die FPE-Methode bietet eine rechnerische Lösung, ist im Alltag aber anspruchsvoll und sollte nur in Absprache mit dem eigenen Diabetesteam angepasst werden. Und wer ohne Diabetes viel Protein isst, um Muskeln aufzubauen, sollte wissen: Ab einer gewissen Tagesmenge bringt mehr Protein keinen zusätzlichen Trainingseffekt mehr.

Quellen

Paterson, M.A., Smart, C.E.M., Lopez, P.E., McElduff, P., Attia, J., Morbey, C., King, B.R.: Influence of dietary protein on postprandial blood glucose levels in individuals with Type 1 diabetes mellitus using intensive insulin therapy. Diabetic Medicine, 2016;33(5):592–598. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5064639/

Paterson, M.A. et al.: Increasing the protein quantity in a meal results in dose-dependent effects on postprandial glucose levels in individuals with Type 1 diabetes mellitus. Diabetic Medicine, 2017;34(6):851–854. DOI: 10.1111/dme.13347.

Pańkowska, E., Szypowska, A., Lipka, M., Szpotańska, M., Błazik, M., Groele, L.: Application of novel dual wave meal bolus and its impact on glycated hemoglobin A1c level in children with type 1 diabetes. Pediatric Diabetes, 2009.

diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe: Fett-Protein-Einheit: Insulinbedarf für Fett und Eiweiß berechnen. https://www.diabetesde.org/fett-protein-einheit-fpe-berechnen

Morton, R.W., Murphy, K.T., McKellar, S.R. et al.: A systematic review, meta-analysis and meta-regression of the effect of protein supplementation on resistance training-induced gains in muscle mass and strength in healthy adults. British Journal of Sports Medicine, 2018;52(6):376–384. DOI: 10.1136/bjsports-2017-097608.
https://bjsm.bmj.com/content/52/6/376

The Glucose Never Lies: CamAPS FX FAQ (praxisorientierte, nicht peer-reviewte Zusammenstellung zu Funktionen wie "Add Meal" und langsam resorbierbaren Kohlenhydraten). https://www.theglucoseneverlies.com/camaps-fx-faq/

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